Schwester
Maria Restituta Kafka

Ordensschwester. Widerstandskämpferin gegen das NS-Regime. Hingerichtet.

* 1894    † 1943

 

Familie, Kindheit und Jugend

Helene Kafka wurde am 1.5.1894 in Hussowitz bei Brünn geboren. Sie war das sechste von sieben Kindern des Schuhmachergehilfen Anton Kafka und dessen Frau Maria Kafka, geb. Stehlik. Die Kafkas lebten in ärmlichen Verhältnissen und erhofften sich durch den Umzug nach Wien eine Verbesserung ihrer Lage. Doch auch in Wien Brigittenau erging es ihnen kaum besser.

Helene stotterte als Kind. Die Methoden, diesen “Makel” zu beseitigen, waren fragwürdig. So wurde ihr etwa ein dreimonatiges Redeverbot erteilt. Sie besuchte schließlich eine Bürgerschule.

In jungen Jahren arbeitete sie als Dienstmädchen und Tabakverkäuferin, ehe sie 1913 im neu eröffneten Krankenhaus in Lainz als Krankenpflegerin tätig wurde. Wenig später trat sie 1914 in den Orden der Franziskanerinnen von der christlichen Liebe (“Hartmannschwestern”) ein. Sodann agierte sie als Operationsschwester und Narkotiseurin im Krankenhaus Mödling.

Sie wählte den Ordensnamen Maria Restituta (übersetzt die “Wiederhergestellte”). Ihre direkte Art des Zugangs zu Menschen brachte ihr unter ihrer Kollegenschaft im Krankenhaus den Spitznamen “Schwester Resoluta” bei. Sie war ein lebenslustiger, fröhlicher Mensch, und allseits beliebt.

Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Von Anfang an lehnte sie den Nationalsozialismus ab. Die Einschränkung des Ordenslebens konnte sie als tiefgläubige Frau nicht hinnehmen. Sie war nicht konfliktscheu, sodass es zu einer Auseinandersetzung mit Dr. Stumfohl, einem Chirurgen kam. Die Schwestern hatten ohne Erlaubnis der Spitalsleitung und Dr. Stumfohl Kruzifixe in den Operationssälen aufgehängt. Schließlich meldete Stumfohl Schwester Restituta bei der Gestapo wegen Vervielfältigung eines regimekritischen Soldatenliedes. Sie wurde am 18. Februar 1942 von der Gestapo verhaftet.

Auch brutale Verhörmethoden ließen sie nicht ihr Schweigen brechen, und den Namen des Soldaten verraten, von dem sie den Text bekommen hatte. Den Namen einer Schwester, die ihr bei der Vervielfältigung geholfen hatte, gab sie ebenso nicht preis.

Auszug aus dem Soldatenlied

Erwacht, Soldat und seid bereit,
Gedenkt Eures ersten Eid(s),
Für das Land, in dem ihr gelebt und geboren,
Für Österreich habt ihr alles geschworen,
Das sieht ja schon heute jedes Kind,
Dass wir von den Preußen verraten sind.
Für die uralte heimische Tradition
Haben sie nichts als Spott und Hohn.
Den altösterreichischen General
Kommandiert ein Gefreiter von dazumal.
Und der österreichische Rekrut
Ist für sie nur als Kanonenfutter gut.
Zum Beschimpfen und Leute schinden
Mögen sie andere Opfer finden.
Mit ihrem großen preußischen Maul
Sind sie uns herabzusetzen nicht faul.
Dafür haben sie bis auf den letzten Rest
Die Ostmarktzitrone ausgepresst.

Erinnerungen von Zeitzeuginnen

Anna Haider, Mitgefangene

"Sie hat geholfen ohne Rücksicht auf Nationalität oder Weltanschauung, ob jemand katholisch war oder konfessionslos oder kommunistisch war oder sozialdemokratisch oder christlich-sozial, da hat sie weder gefragt, noch hatte es irgendeine Bedeutung für sie. [...] Sie hat die Menschen sichtlich wirklich gerne gehabt.”

Josefine Zimmerl, Mutter des Hingerichteten Dr. Johann Zimmerl:

"Schwester Restituta war eine Frau von großem Format. Ihr ruhiges Gottvertrauen war erhaben, ihre hohe Intelligenz mit soviel echt österreichischem Humor machte jede längere Fühlungnahme mit ihr zu einem wahren Stahlbad. Aber nicht nur Personen mit religiöser Einstellung, auch glaubenslose Außenstehende hat sie ganz einfach in der Kraft ihrer Überzeugung mitgerissen. Die vielen im Hause befindlichen Mitglieder der KP verehrten sie geradezu.”

Todesurteil, letzter Brief, Hinrichtung und Seligsprechung

Schwester Restituta wurde am 29. Oktober 1942 wegen "landesverräterischer Feindbegünstigung und Vorbereitung zum Hochverrat" vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt.

Zwei Tage vor ihrer Enthauptung schrieb sie einen letzten Brief, der mit folgenden Worten schließt:

"Nun, wie lange ich noch in diesen Mauern bleiben muss? Wohl um keine Sekunde länger, als es mein himmlischer Vater bestimmt, und dies genügt. Den Berg hinan gehe ich gern, denn von dort ist es nicht mehr weit in die ewige Heimat."

Helene Kafka wurde am 30. März 1943 gemeinsam mit neun kommunistischen Funktionären hingerichtet. Am 21. Juni 1998 erfolgte im Rahmen eines Besuches von Papst Johannes Paul II. in Wien ihre Seligsprechung.

Aus dem Urteil

“Im Dezember 1941 ersuchte die Angeklagte die in der Röntgenabteilung des gleichen Krankenhauses als Kanzleiangestellte beschäftigte Zeugin Margarete Smola, ihr von zwei staatsfeindlichen Flugblättern, die sie im Besitz hatte, je eine Maschinenabschrift nebst einem Durchschlag herzustellen. Die Zeugin führte diesen Auftrag der Angeklagten, die ihr zum Teil den Text der Hetzschriften in die Maschine diktierte, auch weisungsgemäß aus. Bei diesen Flugblättern (…) handelt es sich um eine Schmähschrift mit der Überschrift “Soldatenlied” (…) “Wie eine Reliquie wird ihr Bild und ein schwarzes Fleckerl von ihrem Gewand aufbewahrt: Frau Theresia Hnup hat Schwester Restituta (…) nicht vergessen. Die Ordensschwester und die alte Kommunistin aus Möllersdorf hatten einander im Inquisitenspital des Landesgerichts kennengelernt. (…) Theresia Hnup (…) hält das Bild und den Stofffetzen in pietätvoller Ehrfurcht. Sie, die keine Sentimentalität, keine Schwäche kannte (…)”

Gedenkorte

Im Stephansdom gibt es eine von Alfred Hrdlicka geschaffene Büste von Schwester Restituta, auf der die Namen der mit ihr Hingerichteten verewigt sind.

Im Hartmannspital ist eine Dauerausstellung eingerichtet: RESTITUTA-Dokumentation Glaube gegen NS-Gewalt

An ihrem Wohnhaus als Kind in der Brigittenau ist eine Gedenktafel angebracht.

Gedenkort - Landesgericht für Strafsachen Wien

Im ehemaligen Hinrichtungsraum des Landesgericht für Strafsachen Wien findet sich ihr Name auf einer der Gedenktafeln.

Gedenkort - Gruppe 40, Zentralfriedhof

In der Gruppe 40 wurden die im Wiener Landesgericht Hingerichteten beerdigt. 2013 wurde die Gruppe 40 zur Nationalen Gedenkstätte erklärt.

Quellen und Bildnachweise

  • Ursula Schwarz, Spurensuche Helene Kafka, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes
  • Evelyn Steinthaler, “Maria Restituta: Sie starb für ihren Glauben”, Wiener Zeitung
  • Wikipedia: Maria Restituta Kafka
  • Porträtbild und Texte aus Willi Weinert, "Mich könnt ihr löschen, aber nicht das Feuer". 4. Auflage Wiener Stern Verlag, 2017
  • Bühnenbild Guillotine: Leihgeber Kurt Brazda
  • Alle anderen Bilder: Privatbesitz / Verein Zur Erinnerung

Weiterführende Informationen

  • DÖW Katalog zur permanenten Ausstellung. Hg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Wien 2006
  • Wolfgang Neugebauer, Der österreichische Widerstand 1938-1945, Wien 2008
  • Die Geschichte des Grauen Hauses und die österreichische Gerichtsbarkeit, Wien 2012
  • DÖW (Hg.) Widerstand und Verfolgungen in den österreichischen Bundesländern (Wien, Burgenland, Oberösterreich, Tirol, Niederösterreich, Salzburg), Wien 1975-1991
  • Heinz Arnberger, Claudia Kuretsidis-Haider (Hg.) Gedenken und Mahnen in Niederösterreich. Erinnerungszeichen zu Widerstand und Verfolgung, Exil, Befreiung, Wien 2011
  • Brigitte Bailer, Wolfgang Maderthaner, Kurt Scholz (Hg.), „Die Vollstreckung verlief ohne Besonderheiten“, Wien
  • Herbert Steiner, Gestorben für Österreich. Widerstand gegen Hitler. Eine Dokumentation, Wien 1995
  • Herber Steiner, Zum Tode verurteilt: Österreicher gegen Hitler. Eine Dokumentation, Wien 1964
  • Willi Weinert, „Mich könnt ihr löschen, aber nicht das Feuer“. Biografien der im Wiener Landesgericht hingerichteten WiderstandskämpferInnen gegen das NS-Regime. Ein Führer durch die Gruppe 40 am Wiener Zentralfriedhof. 4. Auflage Wiener Stern Verlag 2017
  • Lisl Rizi, Willi Weinert, „Mein Kopf wird euch auch nicht retten“. Korrespondenzen österreichischer WiderstandskämpferInnen aus der Haft. 4 Bände. Wiener Stern Verlag 2016

Web-Hinweise


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